Ratgeber

BSI IT-Grundschutz zertifizieren: Was Sie wissen müssen

Das „ISO 27001-Zertifikat auf der Basis von IT-Grundschutz“ ist der deutsche Weg zur ISO 27001 — mit dem BSI als Zertifizierungsstelle und einem detaillierten Maßnahmenkatalog. Hier steht, wann sich dieser Weg lohnt, wie er sich von der klassischen Zertifizierung unterscheidet und wie das Verfahren abläuft.

Stand: · Herausgeberin: Infosec Technologie GmbH

Kurz gesagt

Kurz gesagt

  • Das BSI stellt das „ISO 27001-Zertifikat auf der Basis von IT-Grundschutz" aus; auditiert wird durch vom BSI zertifizierte Auditoren.
  • Zertifizierbar sind die Standard-Absicherung und die Kern-Absicherung; für die Basis-Absicherung gibt es ein Testat.
  • Statt einer frei gestalteten Risikoanalyse arbeiten Sie mit den Bausteinen des IT-Grundschutz-Kompendiums — konkreter, aber umfangreicher.
  • Das Zertifikat gilt drei Jahre und wird durch jährliche Überwachungsaudits bestätigt.

Was IT-Grundschutz ist

IT-Grundschutz ist die Methodik des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), um Informationssicherheit systematisch aufzubauen. Sie besteht aus zwei Teilen:

  • Die BSI-Standards beschreiben das Vorgehen: BSI-Standard 200-1 (Managementsysteme für Informationssicherheit), 200-2 (IT-Grundschutz-Methodik), 200-3 (Risikoanalyse auf der Basis von IT-Grundschutz) und 200-4 (Business Continuity Management).
  • Das IT-Grundschutz-Kompendium enthält die Bausteine: für typische Komponenten, Prozesse und Anwendungen jeweils Gefährdungen und konkrete Anforderungen, eingeteilt in Basis-, Standard- und Anforderungen bei erhöhtem Schutzbedarf. Die Bausteine sind in zehn Schichten geordnet — von übergreifenden Themen wie ISMS und Organisation bis zu Netzen und Infrastruktur. Aktuell ist die Edition 2023, die seit dem 1. Februar 2023 verfügbar ist.

Der Grundgedanke: Für den Normalfall müssen Sie Risiken nicht einzeln herleiten, sondern setzen die Anforderungen der zutreffenden Bausteine um. Eine eigene Risikoanalyse nach BSI-Standard 200-3 ist nur dort nötig, wo der Schutzbedarf hoch oder sehr hoch ist oder wo kein Baustein passt.

Unterschied zur klassischen ISO-27001-Zertifizierung

Beide Wege führen zu einem Zertifikat, das die Erfüllung der ISO/IEC 27001 bescheinigt. Sie unterscheiden sich darin, wer prüft, woran geprüft wird und wie viel Gestaltungsspielraum Sie haben.

Klassische ISO-27001-Zertifizierung und IT-Grundschutz-Zertifizierung im Vergleich
ISO 27001 (klassisch)ISO 27001 auf Basis von IT-Grundschutz
Zertifikat stellt ausEine von der DAkkS akkreditierte ZertifizierungsstelleDas BSI
Audit durchAuditoren der ZertifizierungsstelleVom BSI zertifizierte ISO 27001-Grundschutz-Auditoren
PrüfgrundlageISO/IEC 27001, Anhang A als Referenz; eigene RisikobeurteilungISO/IEC 27001 plus BSI-Standards und IT-Grundschutz-Kompendium; Bausteine mit konkreten Anforderungen
GestaltungsspielraumGroß — Sie bestimmen Methode und Maßnahmen risikobasiertKleiner — die Bausteine geben Anforderungen vor, Abweichungen sind zu begründen
DetailtiefeNorm nennt Ziele, nicht UmsetzungAnforderungen sind konkret formuliert (MUSS/SOLLTE)
GültigkeitDrei Jahre, jährliche ÜberwachungDrei Jahre, jährliche Überwachung
Typische AnwenderUnternehmen aller Branchen, international tätige OrganisationenBehörden, öffentliche Auftragnehmer, Betreiber kritischer Infrastrukturen, Organisationen mit BSI-Bezug

Wichtig für die Außenwirkung: Das BSI-Zertifikat ist ein ISO-27001-Zertifikat. International ist die klassische Zertifizierung über eine akkreditierte Stelle jedoch verbreiteter und wird von ausländischen Kunden eher erwartet; im deutschen öffentlichen Sektor hat das BSI-Zertifikat besonderes Gewicht.

Basis-, Standard- oder Kern-Absicherung

BSI-Standard 200-2 kennt drei Vorgehensweisen, die sich in Umfang und Tiefe unterscheiden:

Absicherungsarten nach BSI-Standard 200-2
AbsicherungWas sie bedeutetZertifizierbar?
Basis-AbsicherungEinstieg: Umsetzung der Basis-Anforderungen der zutreffenden Bausteine für den gesamten Informationsverbund. Schneller erster Schutz.Nein — dafür bietet das BSI ein Testat an, das ebenfalls nur ein BSI-zertifizierter Auditor vergibt.
Kern-AbsicherungFokus auf die geschäftskritischen Prozesse und Werte („Kronjuwelen“) mit vollständiger Absicherung dieses abgegrenzten Bereichs.Ja — ISO 27001-Zertifikat auf der Basis von IT-Grundschutz für den abgegrenzten Bereich.
Standard-AbsicherungDas vollständige Verfahren: Basis- und Standard-Anforderungen für den gesamten Informationsverbund, Risikoanalyse bei erhöhtem Schutzbedarf.Ja — der Regelfall für das Zertifikat.

Für ein Zertifikat brauchen Sie also mindestens die Kern-Absicherung für einen klar abgegrenzten Bereich — im Regelfall die Standard-Absicherung. Die Basis-Absicherung ist als Vorstufe gedacht, aus der sich die Standard-Absicherung entwickeln lässt.

Voraussetzungen für das Zertifikat

Bevor ein Audit sinnvoll ist, muss der Informationsverbund die Methodik des BSI-Standards 200-2 vollständig durchlaufen haben:

  1. 01

    Informationsverbund abgrenzen

    Welche Geschäftsprozesse, Anwendungen, IT-Systeme, Räume und Kommunikationsverbindungen gehören dazu? Das ist der Anwendungsbereich des Zertifikats.

  2. 02

    Strukturanalyse

    Erfassung aller Zielobjekte des Informationsverbunds und ihrer Abhängigkeiten.

  3. 03

    Schutzbedarfsfeststellung

    Für jedes Zielobjekt: normaler, hoher oder sehr hoher Schutzbedarf in Vertraulichkeit, Integrität, Verfügbarkeit — mit Begründung.

  4. 04

    Modellierung

    Zuordnung der passenden Bausteine des Kompendiums zu den Zielobjekten. Daraus ergibt sich, welche Anforderungen gelten.

  5. 05

    IT-Grundschutz-Check

    Soll-Ist-Vergleich: Welche Anforderungen sind umgesetzt, welche teilweise, welche nicht — jeweils mit Nachweis.

  6. 06

    Risikoanalyse nach BSI-Standard 200-3

    Für Zielobjekte mit hohem oder sehr hohem Schutzbedarf und für alles, wofür kein Baustein passt.

  7. 07

    Umsetzung und Konsolidierung

    Fehlende Anforderungen umsetzen, Maßnahmen konsolidieren, Nachweise sammeln — und den Betrieb des ISMS nach BSI-Standard 200-1 aufnehmen.

Die dabei entstehenden Referenzdokumente — Sicherheitsleitlinie, Strukturanalyse, Schutzbedarfsfeststellung, Modellierung, Ergebnisse des IT-Grundschutz-Checks, Risikoanalyse, Realisierungsplan — sind Gegenstand des Audits. Sie müssen aktuell, vollständig und untereinander widerspruchsfrei sein.

Ablauf des Zertifizierungsverfahrens

Das Verfahren folgt dem vom BSI veröffentlichten Zertifizierungsschema und der zugehörigen Prüfgrundlage — beide gelten in ihrer jeweils aktuellen Version. Im Kern:

  1. Antrag beim BSI und Beauftragung eines vom BSI zertifizierten ISO 27001-Grundschutz-Auditors. Der Auditor darf den Informationsverbund nicht selbst mit aufgebaut haben.
  2. Sichtung der Referenzdokumente durch den Auditor — das Gegenstück zur Stufe 1 der klassischen Zertifizierung.
  3. Vor-Ort-Prüfung: Der Auditor prüft stichprobenartig, ob die dokumentierten Anforderungen tatsächlich umgesetzt sind, und befragt Verantwortliche und Mitarbeitende.
  4. Auditbericht nach den Vorgaben des BSI, einschließlich Bewertung festgestellter Abweichungen und deren Behebung.
  5. Prüfung durch das BSI: Auf Grundlage des Auditberichts entscheidet das BSI über die Erteilung des Zertifikats. Diese zusätzliche Instanz unterscheidet das Verfahren von der klassischen Zertifizierung, bei der die Zertifizierungsstelle selbst entscheidet.
  6. Zertifikat mit drei Jahren Gültigkeit, bestätigt durch jährliche Überwachungsaudits; danach Rezertifizierung.

Was Audits im Allgemeinen kosten und wovon die Auditzeit abhängt, erklärt der Ratgeber Was kostet eine ISO-27001-Zertifizierung? — die dortigen Marktangaben beziehen sich auf die klassische Zertifizierung; für das BSI-Verfahren veröffentlicht das BSI keine Kostenangaben, hier zählt das Angebot des Auditors.

Für wen sich der Weg lohnt

Der Weg über IT-Grundschutz passt vor allem, wenn:

  • öffentliche Auftraggeber oder Betreiber kritischer Infrastrukturen die Zusammenarbeit an ein BSI-Zertifikat knüpfen oder IT-Grundschutz ausdrücklich verlangen;
  • Sie konkrete Vorgaben einer offenen Risikoanalyse vorziehen — die Bausteine sagen, was zu tun ist, statt es Ihnen zu überlassen;
  • Ihre Organisation ohnehin in Strukturen des öffentlichen Sektors arbeitet und die Terminologie des BSI dort erwartet wird.

Der klassische Weg passt eher, wenn:

  • Sie international tätig sind oder ausländische Kunden das Zertifikat sehen sollen;
  • Sie den Aufwand begrenzen möchten — der detaillierte Anforderungskatalog des Kompendiums ist gründlich, aber umfangreich;
  • Sie bereits ein risikobasiertes Managementsystem betreiben, etwa nach ISO 9001, und ISO 27001 daran anschließen wollen.

Beide Wege setzen ein funktionierendes ISMS voraus, dessen Anforderungen im Ratgeber Anforderungen der ISO 27001 beschrieben sind. Und beide verlangen dasselbe Handwerk: für jede Anforderung einen Nachweis, für jeden Nachweis eine Zuordnung. Wie das Zertifizierungsverfahren im klassischen Weg Schritt für Schritt abläuft, zeigt der Ratgeber ISO-27001-Zertifizierung: So läuft sie ab.

Häufige Fragen

Ist ein IT-Grundschutz-Zertifikat ein ISO-27001-Zertifikat?
Ja. Das BSI stellt ein „ISO 27001-Zertifikat auf der Basis von IT-Grundschutz“ aus. Es bescheinigt die Erfüllung der ISO/IEC 27001 — nachgewiesen über die IT-Grundschutz-Methodik statt über eine frei gestaltete Risikoanalyse.
Wer führt das Audit durch?
Ein vom BSI zertifizierter Auditor. Die Auditierung erfolgt bei Ihnen vor Ort, die Zertifikatserteilung durch das BSI auf Grundlage des Auditberichts.
Kann ich mit der Basis-Absicherung ein Zertifikat bekommen?
Nein. Zertifizierbar ist die Standard-Absicherung, für abgegrenzte Bereiche auch die Kern-Absicherung. Die Basis-Absicherung ist ein Einstieg, aus dem sich später eine Standard-Absicherung entwickeln lässt.
Ist IT-Grundschutz nur etwas für Behörden?
Nein. Die Methodik steht allen offen und wird auch von Unternehmen genutzt, besonders wenn öffentliche Auftraggeber oder Betreiber kritischer Infrastrukturen die Zusammenarbeit davon abhängig machen. Der Aufwand ist wegen des detaillierten Maßnahmenkatalogs jedoch meist höher als bei der klassischen Zertifizierung.

Quellen

Alle Zahlen und Zitate in diesem Artikel stammen aus den folgenden Quellen. Wo Dritte Preise oder Aufwände nennen, sind das deren Angaben zum jeweiligen Stand — keine Zusage von Audit Strike.

  1. BSI — ISO 27001-Zertifizierung auf Basis von IT-GrundschutzZertifikatserteilung durch das BSI, BSI-zertifizierte Auditoren, zertifizierbare Absicherungsarten, Testat
  2. BSI — Zertifizierungsschema: Zertifizierung nach ISO 27001 auf der Basis von IT-Grundschutz (PDF)Gültigkeit drei Jahre, jährliche Überwachungsaudits, Verfahrensregeln
  3. BSI — IT-Grundschutz-KompendiumAktuelle Edition (2023, verfügbar seit 1. Februar 2023), Aufbau in zehn Schichten
  4. BSI — Presse: BSI im Dialog — Fortentwicklung des IT-Grundschutz++Stand der Modernisierung zu IT-Grundschutz++

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